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Wie können digitale Technologien zur Pandemiebekämpfung beitragen?

Unter Beteiligung von “Forum Privatheit”-Mitglied Marit Hansen legt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Diskussionspapier zum Einsatz digitaler Werkzeuge bei der Pandemiebekämpfung vor.

Die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung (75 Prozent) wünscht sich einen stärkeren Einsatz digitaler Technologien bei der Pandemiebekämpfung. Zu den digitalen Werkzeugen, die zur Eindämmung des COVID-19-Virus eingesetzt werden können, gehören neben Apps, wie der Corona-Warn-App (CWA), auch tragbare elektronische Sensoren zur Abstandsmessung (Tags) und Wearables. Mit der Nutzung digitaler Technologien ist die Erhebung und Verarbeitung personenbezogener Daten verbunden, was in weiten Teilen der Bevölkerung zu Verunsicherung führt. Folglich ergibt sich für die Eindämmung der Pandemie ein Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und Datennutzung.

Einsatz digitaler Technologienbedarf einer nachhaltigen Strategie

Die Aktivitäten im interdisziplinären “Forum Privatheit” zielen auf die frühzeitige Entwicklung zeitgemäßer Konzepte zum Schutz von Privatheit beim Technikeinsatz in der Corona-Pandemie. Im kürzlich veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, unter Mitwirkung von Marit Hansen (Mitglied des “Forum Privatheit”, Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein) werden Ansätze formuliert, die den Einsatz und das Zusammenspiel digitaler Technologien in der Bevölkerung unter Berücksichtigung von Datenschutz und IT-Sicherheit formulieren. Das planvolle Vorgehen zur grundrechts- und demokratiefördernden Gestaltung der Digitalisierung ist Leitthema des “Forum Privatheit” – in diesem Sinne betonen die Autor:innen des Diskussionspapiers die Wichtigkeit einer nachhaltigen staatlichen Strategie für den Einsatz und die Weiterentwicklung digitaler Hilfsmittel bei der Pandemiebekämpfung. Darüber hinaus besteht eine Notwendigkeit darin, die Vermittlung von Informationen über Funktion und Wirkungsweise der Technologien in der Bevölkerung zu verstärken. Als Voraussetzung für die Wirksamkeit von Technologien bei der Pandemiebekämpfung gilt, dass die Bevölkerung Vertrauen in den Einsatz der digitalen Werkzeuge und die datenschutzkonforme Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten hat. Ein wichtiger Baustein für die Vertrauensbildung ist die Freiwilligkeit der Nutzung sowie ein Bewusstsein für den Nutzen der Apps, Tags und Wearables. Für den Erfolg der digitalen Pandemiebekämpfung erscheint daher elementar, dass die Zweckmäßigkeit des Einsatzes von Technologien für die Bevölkerung transparent wird: Die Verwendung personenbezogener Daten muss dem öffentlichen Interesse dienen und der Nutzen muss in der Bevölkerung wahrgenommen werden.

Pandemie kann nur im Zusammenwirken verschiedener Technologien bekämpft werden

Digitale Technologien können für drei Zwecke der Pandemiebekämpfung eingesetzt werden: 1. Unterstützung der Bevölkerung bei der Frühwarnung über eine mögliche Ansteckung, 2. Unterstützung des öffentlichen Gesundheitsdienstes bei der Kontaktnachverfolgung und 3. der wissenschaftlichen Untersuchung der Virusübertragung sowie der Entwicklung effektiver Maßnahmen der Pandemiebekämpfung. Der jeweilige Zweck bildet den Ausgangspunkt dafür, “in welchem Kontext [die digitalen Technologien] zum Einsatz kommen, welche Daten sie verarbeiten und welche Anforderungen sich mit Blick auf Datenschutz, Datensicherheit und Nutzerorientierung ergeben”[1]. Hierbei werden zweckmäßige Ansätze zur digitalen Unterstützung der Pandemiebekämpfung in Bezug auf die CWA, die Luca-App, die SORMAS-Software, Wearables und PanCast diskutiert. Als Funktionen dieser digitalen Werkzeuge gelten die Kontaktnachverfolgung, die Anwesenheitsdatenerhebung, das Management von Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, die Abstandsmessung, die Kontaktnachverfolgung und raumzeitliche Kontextualisierung. Festgehalten werden kann, dass eine digitale Pandemiebekämpfung nur im Zusammenwirken verschiedener Technologien erzielt werden kann.

Selbstbeschränkung und Transparenz staatlichen Handelns fördern Vertrauen

Der Einsatz von digitalen Werkzeugen ist nicht nur eine wichtige Säule zum Schutz der Bevölkerung, sondern auch Instrument zur Unterstützung des öffentlichen Gesundheitsdienstes bei der automatisierten Infektionskettennachverfolgung. Der Einsatz digitaler Technologien und die Analyse personenbezogener Daten bildet zudem die Grundlage für pandemieorientierte Forschung, die auf die Verhinderung pandemischer Ausbrüche und auf Risikoaschätzung zielt. Vor diesem Hintergrund erfordert es eine rechtliche Bindung und die Selbstbeschränkung staatlichen Handelns, sodass ein restriktiver Umgang mit sensiblen Daten wie zur Orts- und Positionsbestimmung beibehalten werden kann. Darüber hinaus müssen die Melde- und Informationswege in den Gesundheitsämtern nach einheitlichen Standards organisiert und Prozesse digitalisiert werden, um eine Entlastung der staatlichen Stellen nachhaltig und zielgerichtet voranzutreiben.

Wie bereits in einem früheren Beitrag des “Forum Privatheit” zum Vertrauen in die CWA dargelegt wurde, kommt die Wirksamkeit von Technologien zur digitalen Pandemiebekämpfung zur Entfaltung, wenn die Unterstützung zur Nutzung der Werkzeuge in der Bevölkerung vorhanden ist. Das wiederum erfordert Vertrauen, welches nur durch die zweckmäßige Verwendung von Daten erreicht werden kann.

[1] Druschel, P., Federrath, H., Hansen, M., Lehr, T., Lengauer T., Meyer-Hermann, M., Munzert, S., Priesemann, V., Roemheld, L., Schmidt, A., Schölkopf, B., Simon, J., Spiecker gen. Döhmann, I., Teichert, U. & Woopen, C. (2021): Ansatzpunkte für eine Stärkung digitaler Pandemiebekämpfung. Diskussion Nr. 25, Halle (Saale): Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. 


Greta Runge ist Doktorandin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe und ebenfalls Mitarbeiterin im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten „Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt”.

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