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Die Nutzung der Corona-Warn-App: ein dynamischer Prozess?

Vor rund einem Jahr wurde die Corona-Warn-App auf den Markt gebracht. Nach einem Jahr verzeichnet die App über 28 Millionen Downloads (Stand 11.06.2021[1]). Diese absoluten Daten können allerdings nicht widerspiegeln, wie sich die tatsächlichen Nutzungszahlen entwickeln, beispielsweise weil mehrere Downloads von einer Person stammen können oder weil man die App wieder deinstallieren kann. Um einen besseren Einblick darüber zu erhalten, wie sich die Nutzung der App über einen längeren Zeitraum in einer konsistenten Stichprobe entwickelt, wurde von Juni bis November 2020 am Lehrstuhl Sozialpsychologie: Medien und Kommunikation der Universität Duisburg-Essen eine Langzeituntersuchung mit drei Erhebungszeitpunkten durchgeführt.

In einer ersten Analyse der Daten des ersten Erhebungszeitpunktes konnten wir bereits die Wahrnehmung der Vorteile, die durch die Nutzung entstehen können, als ein Hauptmotiv für deren initiale Nutzung identifizieren. Das bedeutet, dass Menschen, die glaubten, dass die Anwendung zur Eindämmung der Pandemie beitragen und somit Menschenleben retten kann, die App deutlich wahrscheinlicher nutzten als Personen, die dies weniger glaubten. Gegenteiliges zeigten die Daten im Hinblick auf Privatheitsbedenken: Teilnehmende, die Sorgen hatten, dass die App sensible Daten erfassen und weitergeben kann, nutzten die App weniger wahrscheinlich als Personen, die keine oder nur geringe Bedenken diesbezüglich hatten. Allerdings war dieser Zusammenhang deutlich kleiner als der der Vorteile. Für eine komplette Übersicht über die Ergebnisse des ersten Erhebungszeitpunktes empfehlen wir den Preprint[2] des Artikels, der bald auch in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift erscheinen wird.

In der Langzeitperspektive waren wir nun daran interessiert, wie sich die Zusammenhänge zwischen diesen und weiteren psychologischen Faktoren und der Nutzung der App über die Zeit entwickelten. Zunächst lässt sich beobachten, dass sich der Anteil der App-Nutzer:innen unter den 548 Proband:innen von 39% im Juni auf 48% im November erhöht hat. Außerdem zeigte sich, dass die Wahrnehmung der Vorteile bei den Personen, die die App zum dritten Messzeitpunkt nutzten, erhöhte, während sie in der Gruppe der Nicht-Nutzer:innen sank. Privatheitsbedenken hinsichtlich der Appnutzung wurden in beiden Gruppen über die Zeit geringer. Vertrauen in die Anwendung und Wissen über deren Funktionalität erhöhten sich über die drei Messzeitpunkte bei den Personen, die die App im November nutzten und blieben konstant bei denen, die die App im November nicht installiert hatten.

Ein Vorteil von Längsschnittdaten ist, dass man die tatsächlichen Zusammenhänge auf der Personenebene analysieren kann („wie verändert sich das Verhalten einer Person, verglichen mit derselben Person an einem früheren Messzeitpunkt“). Die Analyse dieser Zusammenhänge auf der Personenebene zeigte, dass Proband:innen, die an einem Messzeitpunkt mehr Vorteile wahrnahmen als an den anderen Messzeitpunkten, die App mit einer höheren Wahrscheinlichkeit nutzten als an den anderen Messzeitpunkten. Wiederum zeigte sich gegenteiliges für die Privatheitsbedenken: eine Person, die an einem der Zeitpunkte höhere Bedenken hinsichtlich ihrer Privatsphäre hatte, nutzte die App weniger wahrscheinlich als an den anderen Zeitpunkten. Allerdings ist auch eine umgekehrte Interpretation möglich: waren die Bedenken niedriger als gewöhnlich, war die Nutzungswahrscheinlichkeit höher. Das zeigt, dass die beim ersten Messzeitpunkt gefundenen Ergebnisse (basierend auf Daten zwischen verschiedenen Personen) auch auf der Personenebene zu finden sind (basierend auf Daten derselben Personen zwischen verschiedenen Messzeitpunkten) und zu individuell unterschiedlichen Verhaltensweisen führen, wenn sich beispielsweise die Wahrnehmung ändert. Schließlich zeigten die Ergebnisse noch, dass Personen, deren Wissen über die Funktionalität der App verglichen mit den anderen Erhebungszeitpunkten gestiegen war, ebenfalls stärker dazu tendierten, die App zu nutzen als zu anderen Zeiten.

Diese Längsschnittergebnisse bieten eine wichtige Ergänzung zu der ersten Querschnittsanalyse, da sie die Dynamiken der psychologischen Faktoren und der damit zusammenhängenden Nutzung verdeutlichen. Personen, die an einem der Zeitpunkte hohe Vorteile wahrnehmen, tun dies nicht zwangsweise auch nach einigen Monaten noch. Jemand der/die nur über ein geringes Wissen darüber verfügt, dass die Corona-Warn-App sehr privatheitsschonend ist, kann sich über die Zeit Wissen aneignen. Die Langzeitdaten zeigen nun, dass diese Veränderungen in Wahrnehmung und Wissen mit tatsächlichen Veränderungen der Nutzung der App einhergehen – also, dass Menschen die App installieren und auch wieder deinstallieren, je nachdem wie hoch sie zu einer gewissen Zeit die Vorteile empfinden, wie viele Privatheitsbedenken sie haben und wie viel Wissen sie aufweisen. So ist es durchaus denkbar, dass Personen, die der App zu einem Zeitpunkt skeptisch und misstrauisch gegenüberstehen, von ihren Vorteilen überzeugt und über ihre Funktionalität aufgeklärt werden, wodurch mehr potentielle Nutzer:innen gewonnen werden können.


Yannic Meier ist Post-Doc am Lehrstuhl für „Sozialpsychologie – Medien und Kommunikation“ an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten “Forum Privatheit”. Er forscht zu privatheitsrelevantem Online-Verhalten.

Nicole Krämer ist Professorin für „Sozialpsychologie – Medien und Kommunikation“ an der Universität Duisburg-Essen und betreibt seit vielen Jahren empirische Forschung zu den psychologischen Auswirkungen neuer Technologien. Prof. Dr. Nicole Krämer ist Partnerin im “Forum Privatheit”.


[1]https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/WarnApp/Archiv_Kennzahlen/Kennzahlen_11062021.pdf?__blob=publicationFile

[2]https://psyarxiv.com/xk3t2/