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Tracing-App und die Macht der Internetkonzerne

Wie die Tagesschau jüngst berichtete, profitieren die großen Internetkonzerne Apple, Amazon, Google und Facebook von der Corona-Krise nicht zuletzt durch den Zutritt in den Gesundheitssektor. Sie kooperieren mit Krankenhäusern und der Pharmaindustrie und bieten Health-Plattformen, digitale Assistenten und – im Falle von Google und Apple – die zentralen Schnittstellen für die Corona-Tracing-App an. Doch in welchem Verhältnis stehen dabei datenökonomische Interessen und gemeinwohlorientierte Absichten zur Bekämpfung einer der größten weltweiten Krisen?

Diese Frage nach möglichen Konfliktlinien zwischen der Macht der Internetkonzerne und Maßnahmen der Pandemiebekämpfung stellt sich insbesondere auch in Bezug auf die Corona-Tracing-App.

Für die Anbieter der mobilen Betriebssysteme ergibt sich durch die Krise die Möglichkeit, in einem bisher für sie fremden Bereich Einfluss zu nehmen – dem Gesundheitssektor.

Die Funktionsweise der Corona-App stützt sich auf zwei Säulen. Zum einen die Applikation selbst, welche von deutschen Unternehmen programmiert wurde. Zum anderen die darunterliegende Plattform mit Schnittstellen, welche von Apple oder Google bereitgestellt werden. Während die App vielfach von unabhängigen Stellen wie dem Chaos Computer Club getestet wurde, untersteht die Plattform keinerlei Kontrolle. Genau dies sieht auch der Professor für Computersysteme am Trinity College Dublin, Douglas Leith, als problematisch an.

Ein weiterer Bereich zur Einflussnahme besteht darin, dass die Unternehmen frei entscheiden können, für welche Geräte sie die Schnittstelle bereitstellen – und somit vor allem älteren Geräte außen vor lassen. Das iPhone setzt das aktuelle Betriebssystem iOS 13.5 für die Nutzung der Tracing-App voraus. Geräte ab dem iPhone 6s oder dem iPhone SE können dieses System installieren, während es auf älteren iPhones wie dem iPhone 5s oder dem iPhone 6 nicht mehr läuft. Für Android-Handys ist Android 6 Voraussetzung. Da es im Android-Ökosystem sehr viele verschiedene Smartphone-Hersteller gibt, entschied sich Google die Schnittstelle über die sogenannten Play Services anzubieten und nicht als Update für Android, welche nur sehr selten von den Smartphone-Herstellern an die Kunden weitergegeben werden. Dennoch werden auch hier viele ältere Geräte nicht unterstützt.

Neben älteren Menschen, bei denen viele – wenn überhaupt – nur über ein älteres Smartphone verfügen, sind häufig ärmere Menschen davon betroffen, dass die Tracing-Technologie nur auf neueren Geräten nutzbar ist. Einem Bericht der Financial Times zufolge befürchten einige Experten, dass etwa zwei Milliarden Menschen weltweit die entwickelten Corona-Apps nicht nutzen können.

Wie t-online.de berichtet, haben sich auf erste Anfragen weder Apple noch Google auf Nachfrage zu den Gründen offiziell geäußert. Dabei kann bei der Nichtberücksichtigung älterer Geräte durchaus auch veraltete Technik eine Rolle spielen, wie der Informatiker Henning Tillmann auf Nachfrage von t-online.de argumentiert. Denn aufgrund eines fehlenden Chipsatzes laufe auf älteren Geräten die Bluetooth Low Energy (BLE) Technologie nicht. Trotzdem wäre das bereits 2011 veröffentliche iPhone 4S technisch in der Lage BLE zu nutzen. Apple sei unter anderem auf Nachfragen der Telekom dazu aufgefordert worden, die nötige Schnittstelle auch für ältere Geräte zur Verfügung zu stellen. Wie dem Handelsblatt zu entnehmen ist, schätzt die Telekom die Hoffnung auf einen Kurswechsel bei Apple allerdings als gering ein. Dies gab der Chefentwickler der Deutschen Telekom, Peter Lorenz, am 17 Juli in einem Videogespräch mit Regierungssprecher Steffen Seibert bekannt.

Inwiefern die Krise genutzt wird, um Verbraucher*innen zum Kauf neuer Geräte zu bewegen und wie viel Willkür in der Ausgrenzung von Nutzer*innen älterer Geräte steckt, lässt sich auf dieser Grundlage zwar nicht mit Sicherheit sagen. Allerdings gibt es im Falle von Apple gute Gründe anzunehmen, dass nicht in erster Linie technische, sondern vor allen Dingen auch ökonomische Erwägungen bei der Restriktion der Corona-App eine Rolle spielen.


Markus Uhlmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und arbeitet im soziologischen Teilprojekt des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte „Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt”.

Frank Ebbers ist Doktorand am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe ebenfalls Mitarbeiter im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte „Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt”.

Prof. Dr. Jörn Lamla ist Professor für Soziologische Theorie an der Universität Kassel und Partner im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte „Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt”.

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