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Corona-Warn-App: Auf die Nutzung kommt es an

Am 16. Juni 2020 wird die Corona-Warn-App vorgestellt. Die Erwartungen sind hoch, dass die Zahl der Neuinfektionen mit ihrer Hilfe dauerhaft niedrig gehalten werden kann. Personen, die mit nachweislich Infizierten in Kontakt waren, sollen rasch informiert werden, damit sie sich selbst in Quarantäne begeben können, um die Infektionskette frühzeitig zu unterbrechen.

Hat die Warn-App einen handfesten Nutzen?

Das wissen wir noch nicht. Nehmen wir an, dass die gewählte technische Lösung das tut, was dazu notwendig ist. Das heißt, dass Bluetooth LE (Low Energy) tatsächlich dazu geeignet ist, den Abstand zwischen zwei Personen (bzw. deren Mobiltelefonen) ausreichend präzise zu erkennen. Das heißt weiter, dass eine Messung alle fünf Minuten ausreicht, weil kürzere Kontakte normalerweise nicht zu einer Infektion führen. Darüber hinaus muss möglichst breit auf Corona getestet werden, auch bei Personen ohne Symptome. Nur so kann man frühzeitig und umfassend die für das Funktionieren der App notwendige Information gewinnen. Denn in den zehn bis 14 Tagen zwischen Infektion und Auftreten der Symptome kann über Kaskadeneffekte eine große Zahl von Personen infiziert werden. Für eine wirksame Unterbrechung der Infektionskette muss deshalb möglichst schnell festgestellt werden, ob eine Person infiziert ist.

Wie viele App-Nutzer sind notwendig?

Wenn die Corona-Warn-App wirklich zuverlässig riskante Kontakte ermitteln kann und wenn ausreichend Informationen über Infektionen verfügbar sind, kommt es letztendlich darauf an, dass möglichst viele Personen die App auch tatsächlich nutzen. In den vergangenen Wochen wurde in den Medien eine Studie zitiert, wonach eine Tracing-App ineffektiv sei, wenn sie von weniger als 60 % der Bevölkerung genutzt wird. Die Autoren der Studie haben unlängst richtiggestellt, dass eine Contact-Tracing-App schon bei deutlich geringeren Nutzungsraten einen Nutzen hat. Bei über 60 % Nutzung seien aber keine zusätzlichen Maßnahmen mehr notwendig.

Nicht alle Mobiltelefone sind geeignet

Was beeinflusst nun die Bereitschaft der Bevölkerung, die Corona-Warn-App herunterzuladen, zu installieren und zu nutzen? Statistisch besitzen über 95 % der Bundesbürger ein Mobiltelefon bzw. Smartphone, die App läuft aber nur auf neueren Geräten mit aktuellem Betriebssystem (iOS 13 bzw. Android 6) und gar nicht auf Geräten mit anderem Betriebssystem (Blackberry, Windows Phone). Offenbleiben muss die Frage, wie groß der Anteil der Bevölkerung ist, der nicht in der Lage ist, im Betriebssystem das „Covid-19 Exposure Logging“ zu aktivieren, das standardmäßig ausgeschaltet ist. Man kann aber vermuten, dass vor allem die besonders gefährdeten älteren Personen häufiger damit Probleme haben werden.

Vertrauen und Freiwilligkeit besonders wichtig

In mehreren Beiträgen haben wir in diesem Blog darauf hingewiesen, dass es verschiedene Faktoren gibt, die die individuelle Nutzungsbereitschaft beeinflussen (vgl. Beiträge „Psychologische Voraussetzungen“, „Kriterien für die Gewährleistung von Vertrauen“ und „Lass Dich überwachen!“). Zu diesen Faktoren gehören:

  • Wahrgenommener Nutzen: Dass die frühzeitige Erkennung von Corona-Infektionen und die Unterbrechung der Infektionswege sinnvoll ist, dürfte ein gesellschaftlich breiter Konsens sein. Der tatsächliche Nutzen ist derzeit noch unbekannt.
  • Freiwilligkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Entstehen von Vertrauen und die Nutzungsbereitschaft. Deshalb sollte alles unterlassen werden, was die Freiwilligkeit der Nutzung in Frage stellt. Dazu gehören etwa Forderungen, dass bestimmte Angebote nur dann genutzt werden dürften, wenn eine Person die Corona-Warn-App aktiviert hat – sei es die Teilnahme an Veranstaltungen, die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder der Zutritt zum Arbeitsplatz.
  • Transparenz der Funktionsweise (welche Daten werden erhoben? von wem? wohin werden die Daten übertragen? können diese für andere Zwecke genutzt werden?). Hier hat die öffentliche Debatte über die Funktionalität und Architektur der App und Offenlegung des vollständigen Codes in den letzten Wochen dazu beigetragen, dass sehr viel klarer geworden ist, wie die App funktioniert.
  • Vertrauen in den Betreiber: Kann ich dem Betreiber vertrauen, dass er verantwortungsvoll und wie zugesichert mit den Daten umgeht? Obwohl mit Apple und Google zwei internationale Firmen an der App beteiligt sind, gegenüber deren Agieren man durchaus misstrauisch sein kann, haben sich beide in diesem Fall ausgesprochen um Transparenz und Vertrauen bemüht. Die Tatsache, dass das Robert-Koch-Institut der Betreiber der App sein wird, trägt der Tatsache Rechnung, dass die Deutschen traditionell staatlichen Stellen, die der öffentlichen Kontrolle unterliegen, stärker vertrauen als (internationalen) Unternehmen.

Kein Allheilmittel, die Diskussion der vergangenen Wochen hat sich gelohnt

Die deutsche Corona-Warn-App hat zwar im internationalen Vergleich relativ lange auf sich warten lassen, erfüllt aber viele Voraussetzungen für eine breite Nutzung. Darauf weisen die ersten empirischen Umfragen hin (vgl. die Beiträge „Akzeptanz App-basierter Kontaktnachverfolgung“ und „Erste empirische Daten zur Nutzungsbereitschaft…“). In Frankreich, wo mit StopCovid vor kurzem eine vergleichbare Corona-App vorgestellt wurde, haben innerhalb der ersten Woche etwa 1 Mio. Nutzer die App installiert.

Die Corona-App ist kein Allheilmittel, das andere Maßnahmen ersetzen kann, eher ein groß angelegtes Experiment, wie auch ein Blick auf die Erfahrungen in anderen Ländern zeigt. In Australien wurde innerhalb eines Monats mit Hilfe der App lediglich ein einziger zuvor unbekannter Infizierter identifiziert und in Singapur kam es trotz App-Einsatz sogar zu einer zweiten Infektionswelle.  Es bleibt also abzuwarten, ob die Contact-Tracing-App die in sie gesetzten Hoffnung erfüllen kann. Da wir noch eine ganze Weile mit den Gefahren durch das Corona-Virus werden leben müssen, sind die mit der Corona-Warn-App gesammelten Erfahrungen auf jeden Fall wertvoll für die Weiterentwicklung und Verbesserung.


Dr. Michael Friedewald ist Leiter des Geschäftsfelds „Informations- und Kommunikationstechnik“ am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Er koordiniert das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte „Forum Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt”. 

6 Antworten auf „Corona-Warn-App: Auf die Nutzung kommt es an“

Was ich an der ganzen Sache bisher nicht verstehe: Die Corona Warn App zeigt mir an, dass ich mich eine gewisse Zeit in der Nähe einer diesbzgl. positiv getesteten Person aufhielt. Aber was hat sich diese “corona-positive Person” außerhalb der eigenen vier Wände aufzuhalten? Sie müsste sich doch in häuslicher Quarantäne befinden! Und macht sie sich andernfalls nicht strafbar? Falls das so ist und diese Person/en grob fahrlässig/vorsätzlich handeln, wird dieser Personenkreis doch sicherlich überwiegend NICHT die App installieren.

Es geht bei der Warn-App nicht in erster Linie um die Personen, die bereits infiziert sind und das auch wissen.
Zwischen der Infektion und den ersten Symptomen vergehen ja 10 bis 14 Tage, während der man sich bereits anstecken kann. Dabei sind insbesondere die letzten Tage vor dem Auftreten der Symptome besonders gefährlich, da in dieser Zeit wohl das Ansteckungsrisiko am höchsten ist.

Mit der Warn-App kann eine Person, bei der Corona festgestellt wird, alle Personen benachrichtigen, mit den er seit seiner eigenen Infektion (also innerhalb der letzte 10-14 Tage) für längere Zeit in nahem Kontakt war.

Was die benachrichtigte Person dann tut, liegt in ihrer eigenen Verantwortung: Sie sollte zum Arzt gehen und sich testen lassen. Wenn der Test positiv ausfällt, sich in der App als Infiziert melden und dann in Quarantäne begeben.

Glückwunsch zur deutschen Corona App, wo die Warnmeldung in englisch ausgegeben wird. Verblödet hier langsam jeder?

Eben habe ich gesehen, dass die Nutzung der Corona-App nur möglich ist, wenn auf Android die Standortfunktion des Gerätes aktiviert ist.
Es wird zwar gesagt, dass keine Standortdate nerhoben werden. Aber durch die Aktivierung könnten andere Apps auf die Standortdaten zugreifen. Das ist ein erheblicher Eingriff in den Datenschutz, und wurde bisher nicht erwähnt.
Mich wundert, dass dies nötig ist und dass es offenbar noch niemand bemerkt hat?

Lieber H. Fink, das hatte heute morgen auch irritiert. Es gibt aber eine Erklärung, warum es so sein muss und dass es offenbar nicht bedeutet, dass tatsächlich Standortdaten erfasst werden. Von der Kommunikation her aber gewiss ungeschickt.
Hier der Artikel bei Spiegel online dazu. https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/corona-warn-app-wieso-muessen-android-nutzer-den-standortzugriff-aktivieren-a-7f372aea-25e9-49f7-9ae3-9568cf526c04

Hallo zusammen,

die Universität Greifswald forscht derzeit daran, wie die Bereitschaft in der Bevölkerung bezüglich der Nutzung von Corona-Apps aussieht. Auch die Bedenken bezüglich des Datenschutzes sind hierbei von Interesse. Hierfür wurde ein anonymer Fragebogen entwickelt, dessen Bearbeitung ca. 20-30 Minuten dauert. Unter allen Teilnehmenden werden 50 Gutscheine im Wert von 15€ verlost.

Der Link zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/cova/

Mit Ihrer Teilnahme an der Umfrage können Sie daher mit dazu beitragen, dass die Corona-Apps besser und verantwortungsvoller entwickelt werden.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme.

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