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Contact-Tracing-App: Eine Chance für die kooperative Technikentwicklung

Die gegenwärtig diskutierte Nutzung eines gezielten „Contact Tracing“ zur Eindämmung von Covid-19 ist ein paradigmatisches Beispiel für die Mobilisierung von digitalen Technologien in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Dabei zeigt die aktuelle Kontroverse zur Corona-Tracing-App in besonderer Weise, wie notwendig ein breiter und möglichst demokratischer Kooperationsprozess ist, denn nur durch diesen sind die gesellschaftlichen Bedingungen für einen wirklich effektiven App-Einsatz gegeben. Dementsprechend kann und sollte hier der in wissenschaftlichen Debatten schon lange erhobene Anspruch auf den Einbezug verschiedener gesellschaftlicher Stakeholder in die Technikentwicklungen erfüllt werden. Im Fall der Corona-App wäre dies einerseits von besonderer Wichtigkeit, andererseits lässt sich hier daran auch nachvollziehen, wo Potenziale einer kooperativen Technikentwicklung schon bestehen oder bereits genutzt werden.

Potenziale und Herausforderungen kooperativer App-Entwicklung

Es ist offenkundig, dass die Entwicklung einer Technologie zur Pandemiebekämpfung auf die Beteiligung und Expertise ganz unterschiedlicher Akteursgruppen angewiesen ist: von der Epidemologie, über Datenschutz, Informatik, Technologiekonzerne und Gesundheitsämter bis hin zu Aufsichtsbehörden und Organisationen der Risikofolgenabschätzung wie das Robert Koch-Institut. Während im Feld der Informatik und des Datenschutzes bereits umfassende Kriterien für eine Risikofolgenabschätzung von Corona-Apps entwickelt werden, diskutieren netzpolitische Akteure, Fachleute für Kryptografie und App-Entwickler*innen über die Vor- und Nachteile zentralisierter und dezentralisierter Systeme. So hat der Chaos Computer Club Kriterien für eine Corona-App entwickelt, die dezidiert für eine dezentrale App werben. Aber auch bei einem dezentralisierten System ist nicht auszuschließen, dass die zunächst geheimen temporären Identitäten von infizierten Personen deanonymisiert werden können.

Dass die Debatte zu dezentralisierten und zentralisierten Systemen somit auf eine ergebnisoffene und koordinierte Beteiligung verschiedener Stakeholder angewiesen ist, zeigt die aktuelle Diskussion um das multinationale PEPP-Projekt. Zwar hatte PEPP-PT zu Beginn keine Präferenzen für einen zentralisierten oder dezentralisierten Ansatz festgelegt. Doch wie etwa heise online und wir berichten, wird das Projekt für mangelnde Transparenz und die zunehmende Fixierung auf einen zentralisierten Ansatz kritisiert. Das Protokoll Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing (DP3T) zur Entwicklung eines offenen Standards wurde kürzlich ohne Ankündigung von der Website des PEPP-PT Projektes entfernt. In der Folge hat PEPP-PT nicht nur Mitglieder verloren. Auch kritisieren zahlreiche Wissenschaftler*innen in einem offenen Brief die Intransparenz und Ausrichtung von PEPP-PT. Damit wird deutlich, dass der Anspruch einer kooperativen Technikgestaltung nur dann zufriedenstellend eingelöst werden kann, wenn die Stimmen verschiedener Stakeholder tatsächlich gehört werden und einen Einfluss auf Entwicklungsprozesse haben.  

Nicht nur technische Herausforderungen, sondern auch politische Fragen der Risikoabwägung

Neben technischen Aspekten müssen auch mögliche langfristige gesellschaftliche Nebenfolgen berücksichtigt werden, die mit der Einführung einer Tracing-Technologie einhergehen können. So muss von vornherein verhindert werden, dass die Nutzung eines Contact-Tracing als Einfallstor genutzt wird, um die flächendeckende Überwachung von Bürger*innen auszubauen. Die aktuelle Debatte zeigt dabei deutlich, wie wichtig die Beteiligung netzpolitischer Akteur*innen und Expert*innen des Datenschutzes ist, um diese Gefahr in Schach zu halten. Nicht zuletzt muss natürlich auch aus epidemiologischer Perspektive sichergestellt sein, dass Contact-Tracing einen wirksamen Beitrag zum Umgang mit Covid-19 leisten kann. Hier geht es entsprechend um komplexe Fragen der politischen Risikoabwägung, die nicht allein von App-Entwickler*innen beantwortet werden können.

Institutionelle Rahmenbedingungen sind für kooperative Technikgestaltung unerlässlich

Damit diese Herausforderungen in einem gesellschaftsweit angelegten Forschungsprozesses angegangen werden können, müssen unterschiedliche Wissensbereiche, Institutionen und Technologien kommunikativ vernetzt werden. Ein Beispiel für die Herstellung von Öffentlichkeit stellt neben der bereits erwähnten DP3T-Initative das GDPRhub dar, das sämtliche staatliche und private Initiativen für Corona-Tracing-Apps auflistet. Darüber hinaus kann nur ein offener technologischer Standard, der über Ländergrenzen hinweg funktioniert und die Einbindung verschiedener Tracing-Apps erlaubt, letztlich einen sinnvollen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten. Auf einen solchen offenen Standard für Tracing-Technologien zielt etwa die Entwicklung der ito App, die aus der #WirvsVirus-Hackathon Initiative der Bundesregierung entstanden ist. Wie aufgezeigt bietet die Entwicklung einer Corona-Tracing-App also zahlreiche Potenziale und Anknüpfungspunkte für eine kooperative Technikgestaltung. Ob und inwieweit diese Möglichkeiten aber auch tatsächlich ausgeschöpft werden, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt weitgehend unklar. In zentraler Weise wird es darauf ankommen, dass angemessene institutionelle Rahmenbedingungen zur kooperativen und koordinierten Beteiligung verschiedener Stakeholder geschaffen werden – wir möchten im Sinne sowohl des Gesundheits- als auch des Datenschutzes dafür plädieren, dass solche Bedingungen geschaffen werden.


Markus Uhlmann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im “Projekt Hessisches Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung” sowie  Mitglied des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten “Forum Privatheit”.

Eine Antwort auf „Contact-Tracing-App: Eine Chance für die kooperative Technikentwicklung“

Die Einbeziehung wichtiger Stakeholder hat bisher gerade nicht funktioniert: Während alle, die sich gerne reden hören, über das recht belanglose technische Detail „zentral vs. dezentral“ stritten, hielt es offenbar niemand für nötig, einmal umfassender über die Anforderungen nachzudenken. Ein Symptom sind die Forderungen des Landkreistags nach ganz anderen Daten. Hätte man sich mal mit Contact Tracern in dern Gesundheitsämtern zusammengesetzt, hätte man wahrscheinlich früher erfahren, was die brauchen. Ebenso wenig hat man sich bis jetzt mit den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer beschäftigt und zum Beispiel die Frage beantwortet, wie diese nach einer Benachrichtigung ihrem Arbeitgeber beibringen, dass sie jetzt zwei Wochen zu Hause bleiben müssen. Ein zweites Symptom ist die völlige Ignoranz aller Debattenteilnehmer gegenüber realen und bewährten Lösungen wie SORMAS (https://www.sormas.org/), die an einer ganz anderen Stelle ansetzen.

Weder der CCC noch die um ihre Bedeutung besorgten Wissenschaftler sind hier Stakeholder. Was es ganz sicher nicht braucht, ist ein Prozess, der solche Akteure besser einbindet; sie melden sich typischerweise von selbst und eher zu oft als zu selten. Wirklich nötig hätten wir ein besseres Verständnis von Entwurfs- und Entwicklungsprozessen, damit solche Entgleisungen wie die groteske Debatte „zentral vs. dezentral“ gar nicht erst passieren oder wenigstens kritisch kommentiert werden.

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